Wie kommt man an Hormone?

In Deutschland ist ein Indikationsschreiben von einem*einer begleitenden Psychotherapeut*in für eine Hormontherapie notwendig (mehr dazu in meinem Artikel über die Begleittherapie). Dieses Schreiben bestätigt die Notwendigkeit einer geschlechtsangleichenden Hormongabe und wird von Ärzt*innen vor Beginn einer medizinischen Transition verlangt.

In den meisten Fällen geht man mit der Indikation zu einer*einem Endokrinolog*in, einer*einem auf Hormone spezialisierten Ärzt*in. Diese*r Ärzt*in wird nach einer genauen körperlichen Untersuchung das Rezept für die geschlechtsangleichenden Hormone ausstellen und die medizinischen Transition überwachen. 

Der*die Endokrinolog*in nimmt Blut ab und ordnet ein große Blutuntersuchung an, bei der unter anderem Hormon-, Nieren- und Leberwerte bestimmt werden. Zusätzlich kann er*sie eine Untersuchung der Chromosomensätze fordern. Eine Analyse der Chromosomensätze kann durchgeführt werden, um Intersexualität auszuschließen.

Wie mir damals gesagt wurde, kann es einen Unterschied in der Behandlung machen, sollte Intersexualität vorliegen. Allerdings sagte mein Arzt mir auch, dass eine solche Chromosomenuntersuchung nicht notwendig sei, da auch anhand eines Ultraschalls des Bauchraumes und Unterleibs erkannt werden kann, ob Gebärmutter und Eierstöcke vorhanden sind, beziehungsweise innenliegende Hoden. 

Generell ist es auch ein Indikator gegen Intersexualität, wenn man seine Periode regelmäßig oder überhaupt bekommt. Gleichzeitig ist es nicht zwangsläufig ein Zeichen für Intersexualität, wenn man seine Periode gar nicht bekommt. Es kann viele Gründe für ihr Ausbleiben geben. 

Solltet ihr in der Situation sein, dass Ärzt*innen eine Analyse eures Chromsomensatz fordern, ihr euch dieser aber nicht unterziehen möchtet, kann euch keiner dazu zwingen. Diese Analyse ist nicht notwendig, um mit der Hormontherapie zu beginnen. 

Der*die behandelnde Ärzt*in kann einen auch zu einer*einem Gynäkolog*in überweisen – vor allem dann, wenn man noch nie bei einer*einem Gynäkolog*in war.

Bei diesen Voruntersuchungen geht es darum, jegliche Auffälligkeiten auszuschließen und herauszufinden, ob man körperlich gesund genug ist, um eine Hormontherapie zu verkraften. Die psychologische Notwendigkeit einer solchen Therapie wurde zu diesem Zeitpunkt ja bereits bestätigt. 

Welche Hormone braucht man als trans* Mann für die Transition? 

Unterzieht sich ein trans* Mensch einer Hormontherapie, bekommt er die Sexualhormone des Geschlechts, mit dem er sich identifiziert. Bei trans* Männer handelt es sich hierbei um Testosteron. Ihr nach der Geburt als „weiblich“ zugeordneter Körper produziert Östrogen und zu geringen Mengen auch Testosteron, was jedoch in der Regel nicht ausreicht, um zu einem männlichen Erscheinungsbild zu führen.

Wird dem nach der Geburt als „weiblich“ zugeordneten Körper Testosteron zugeführt, unterdrückt es das Östrogen in der Regel, da es da „stärkere“ Sexualhormon ist. Um gerade die Anfangsphase zu erleichtern, kann auch zusätzlich ein Östrogenblocker eingesetzt werden – der sorgt dafür, dass das Testosteron ungehindert im Körper wirken kann. 

In welcher Form wird Testosteron verabreicht?

Testosteron gibt es als Gel, Pflaster, Tabletten und Injektionslösung. 

Gel:

Wird jeden Morgen auf die Oberarme, Schultern und/oder den Bauch aufgetragen. Mancherorts liest man, dass die Veränderungen durch Testosteron in Gelform langsamer stattfinden, was ich aber nicht bestätigen kann. Ich nehme seit Beginn meiner medizinischen Transition Testogel und die ersten Veränderungen kamen sehr schnell. Das Gel hat den Vorteil, dass der Testosteronspiegel dem eines cis Mannes am ehestens entspricht: Morgens ist der Testosterongehalt im Körper am höchsten, im Laufe des Tages nimmt er ab. Durch die konstante Dosierung und die tägliche Einnahme sollen die hormonell bedingten Stimmungsschwankungen bei Testosterongel niedriger sein als bei anderen Testosteronpräparaten.

Pflaster:

Werden auf die Haut geklebt und geben Testosteron ab, das über die Haut ins Blut gelangt. Diese Pflaster sorgen für einen konstanten Hormonspiegel und je nach Hersteller müssen sie täglich bis alle zwei Tage gewechselt werden. In Deutschland ist die Form des Hormonpräparats unüblich. In der Regel werden über Pflaster zu geringe Mengen Testosteron abgegeben, um die gewünschten körperlichen Veränderungen einer medizinischen Transition hervorzurufen. 

Tabletten:

Werden oral eingenommen. Sie können der Leber schaden, da sie über den Magen-Darm-Trakt aufgenommen werden und das Testosteron durch das Blut von hier aus erstmal zur Leber gelangt. In Deutschland heutzutage auch eher unüblich, wurden sie früher häufiger verwendet, bevor sie von verträglicheren Präparaten wie Gelen oder Pflastern ersetzt wurden.

Injektionslösung:

Bedeutet, dass man sich das Testosteron spritzt. Dies kann in unterschiedlichen Zeitabständen geschehen – je nach Präparat: Es gibt Drei-Monats-Spritzen, Spritzen in zweiwöchentlichen Abständen und wöchentliche Spritzen. Gerade die Drei-Monats-Spritze hat den Nachteil, dass das Testosteron im Blut kurz nach der Spritze am höchsten ist und im Laufe der Zeit immer weiter abnimmt. Damit ist der Testosteronspiegel weniger konstant als bei zum Beispiel Gel. Allerdings haben die Spritzen den Vorteil, dass sie nicht jeden Tag notwendig sind, wie das Gel oder die Pflaster.

Gerade zu Beginn der Transition fängt man meist mit einer niedrig dosierten Testosteronmenge an, um dem Körper die Möglichkeit zu geben, sich optimal anzupassen. Welches Präparat für wen am ehesten in Frage kommt, wird mit dem*der behandelnden Ärzt*in besprochen, ebenso wie die Dosierung an die individuellen Hormonwerte angepasst wird.

Wie wirkt sich das Testosteron auf den Körper aus?

Es bewirkt eine Vermännlichung des Körpers. Man kommt in die männliche Pubertät und mit ihr kommen die Veränderungen, die cis Jungen in der Pubertät auch durchmachen. Für all diese Veränderungen gibt es keine genauen Regeln, wann sie auftauchen und welches Ausmaß sie annehmen – das ist individuell unterschiedlich. Die meisten trans* Männer wachen nach ihrem ersten Tag auf Testosteron nicht morgens auf und haben sofort eine tiefere Stimme (das ist jedoch auch nicht unmöglich). Im Folgenden werde ich euch die größten zu erwartenden Veränderungen aufzählen.

Stimme:

Wird durch Testosteron erst heiser,  kieksig und dann tiefer. Sie klingt erst mal wie bei einem Teenager im Stimmbruch, bis sie sich um einiges tiefer als zuvor einpendelt. Diese Veränderung ist dauerhaft – sollte man sich also mal dazu entscheiden, das Testosteron abzusetzen, wird die Stimme tief bleiben.

Behaarung:

Das Testosteron führt in der Regel zu Bartwuchs und einer ausgeprägteren Körperbehaarung. In der Regel fängt es mit einem kleinen Oberlippenbärtchen und einem leichten Flaum unterhalb des Bauchnabels an. Bis ein Vollbart wächst, kann es Jahre oder sogar auch für immer dauern – das hängt von den genetischen Voraussetzungen ab. Die meisten trans* Männer bekommen durch Testosteron behaartere Beine und Arme, aber auch an ihrer Brust, ihrem Rücken und ihrem Bauch können Haare wachsen – wie bei cis Männern auch. 

Körperbau:

Die Knochenstruktur kann sich durch das Testosteron nicht verändern. Was sich verändert, ist zum einen die Fettverteilung. Das Fett wandert weg von den Hüften mehr hin zum Bauch und führt damit zu einer weniger kurvigen Körperform. Außerdem begünstigt das Testosteron das Muskelwachstum, weswegen man auch mit wenig Sport sichtbare Muskeln bekommen kann. Außerdem werden die Muskeln um einiges fester. Es ist wahrscheinlich, dass man einige Kilo zunimmt. Gerade zu Anfang der Transition, wenn sich der Körper stark verändert, hat man unglaublichen Hunger – was die Gewichtszunahme begünstigt.

Periode:

Normalerweise setzt die Periode aus, wenn ein konstant hoher Testosteronspiegel im Blut erreicht ist. Es kann sein, dass man sie sofort nicht mehr bekommt, sobald man angefangen hat, Testosteron zu nehmen. Es kann jedoch auch einige Wochen oder Monate dauern, bis die Periode ganz ausbleibt. Bei machen trans* Männern setzt die Periode nach Monaten oder Jahren wieder ein, wenn ihr Testosteronspiegel zu niedrig ist oder das Östrogen im Körper sich nicht unterdrücken lässt. In diesen Fällen kann eine Hysterektomie, eine Entfernung der Gebärmutter notwendig sein. (Mehr Informationen dazu werden in meinem Artikel zu Operationen bei trans* Menschen folgen.)

Haut:

Die Poren werden gröber und die Haut wird öliger. Bei vielen führt das zumindest temporär zu Akne.

Libido:

Nimmt stark zu. Mit dem Testosteron geht auch eine gesteigerte Lust auf Sex einher. Dies klingt jedoch mit der Zeit wieder etwas ab. 

Intimbereich:

Das Testosteron wirkt sich auch auf den Intimbereich aus, wodurch die Klitoris wächst. 

Persönlichkeit:

Das Testosteron wird die Persönlichkeit nicht komplett verändern. Man ist auch nach der medizinischen Transition im Kern noch die Person, die man vorher war. Doch die körperlichen Veränderungen führen bei vielen dazu, dass sie sich in ihrem Körper wohler fühlen und selbstsicherer werden. 

Welche Nebenwirkungen und mögliche Risiken gibt es bei der Hormontherapie?

Gerade zu Beginn sind starke Hitzewallungen zu erwarten, da der Körper in einem Hormonchaos steckt. Migräne kann sich verschlimmern, genauso wie Akne auftreten und erblich bedingter Haarausfall einsetzen kann. Bei falscher Dosierung kann es außerdem zu Leber- oder Nierenschäden kommen, ebenso wie zu Aggressionen.

An sich haben Männer ein höheres Risiko für manche Krankheiten, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebsarten. Abgesehen von Prostatakrebs (da man als Trans*Mann keine Prostata hat) steigt das Risiko für diese Krankheiten auch bei Trans*Männern, da sie auf Testosteron zurückzuführen sind. Hinzu kommt, dass man durch Testosteron unfruchtbar werden kann. Wer also unbedingt biologische Kinder haben möchte, sollte vor Beginn der medizinischen Transition Eizellen entnehmen und einfrieren lassen. 

Bisher hat die wissenschaftliche Forschung gezeigt, dass Testosteron keinen negativen Einfluss auf die Gesundheit hat, Trans*Männer also auch nicht häufiger an Krebs erkranken als andere Männer.

Es gibt Ärzte, die empfehlen, spätestens 3-5 Jahre nach Testosteronbeginn die Gebärmutter und Eierstöcke zu entfernen, um das Krebsrisiko minimal zu halten. Es gibt allerdings zur Zeit keine Studien, die berichten, dass das Risiko für Krebs an den inneren Geschlechtsorganen durch Testosteron steigt. 

Muss man die Hormone für immer nehmen?

Bei Trans*Männern verfügt der Körper nicht über die Fähigkeit, ausreichend Testosteron zu produzieren. Hört man auf Testosteron zu nehmen, sinkt der Hormonspiegel also wieder. Verfügt man noch über eine Gebärmutter und Eierstöcke, nimmt das Östrogen überhand. Das bedeutet, die Periode setzt wieder ein, das Körperfett verteilt sich erneut um, so dass eine kurvigere Figur entsteht, die Muskelmasse nimmt ab. Hat man die Hysterektomie bereits hinter sich und hört auf, Testosteron zu nehmen, kann das Osteoporoserisiko ansteigen.

Manche Veränderungen sind dauerhaft: Die Stimme bleibt tief, auch wenn man kein Testosteron mehr nimmt. Bart und Körperbehaarung bleiben bestehen und hat man weit fortgeschrittenen Haarausfall oder eine Glatze, wachsen die Haare auch nach Absetzen des Testosterons nicht wieder nach. 

Manche Trans*Männer setzen die Hormone ab oder reduzieren sie mit fortschreitendem Alter, da auch Cis-Männer einen niedrigeren Testosteronspiegel haben, wenn sie älter werden. Will man das Testosteron allerdings absetzen, sollte das immer mit einem Arzt abgesprochen werden. Gleiches gilt, wenn man die Dosis erhöhen will – mehr Testosteron bedeutet nicht unbedingt schnellere oder mehr Veränderungen, sondern hat eher einen negativen Effekt auf den Körper.

Was ich gelernt hab:

  1. Manche Veränderungen, wie Haarwuchs am Rücken, will man nicht unbedingt – sie gehören trotzdem dazu. Man kann nicht auswählen, was man möchte und was nicht. Es gibt entweder das Gesamtpaket oder gar nichts. Und ob man später mal Haarausfall haben wird oder nicht, weiß man nicht unbedingt, bevor man mit Testosteron anfängt.
  2. Geduldig mit dem eigenen Körper zu sein. Veränderungen geschehen nicht über Nacht.
  3. Wie toll es sein kann, nach Jahren auf alte Fotos, Sprachnachrichten und Tagebucheinträge zurückzuschauen, die man während der Transition gemacht hat. Manchmal kommt es einem so vor, als hätte sich gar nichts verändert, als würde alles still stehen. Doch wenn man dann zurückschaut, sieht wird einem wieder bewusst, wie viel sich eigentlich verändert hat. 
  4. Nicht alles akribisch zu dokumentieren, was sich verändert. Man ist schließlich kein wissenschaftliches Experiment oder ein Testobjekt.
  5. Testosteron löst nicht alle Probleme. Man muss seinen Körper erst lieben lernen. 
  6. Man wird vielleicht nie wie ein breiter, mit Muskeln bepackter Cis-Mann aussehen. Aber man ist trotzdem ein Mann und nicht weniger schön.