Dieser Artikel wird etwas persönlicher von meinen eigenen Erfahrungen und Empfindungen geprägt sein, als die vorherigen der Reihe. Meiner Meinung nach ist es nämlich sehr individuell, wann man sich „fertig“ und die eigene Transition als abgeschlossen empfindet.

Wann ist man eigentlich „fertig“?

Am ehesten dann, wenn man sich in seinem Körper angekommen fühlt. Das Gefühl habe ich seit meiner Mastektomie. Davor hat sich immer etwas nicht richtig angefühlt. Nach der Mastektomie habe ich mich nicht mehr in meinem Körper gefangen gefühlt und nicht mehr von ihm eingeschränkt. Das war für mich der Punkt, ab dem ich zufrieden war. 

Trotzdem würde ich nicht sagen, dass man überhaupt einmal „fertig“ ist. Als Mensch wächst und verändert man sich schließlich kontinuierlich. Womit man zu einem Zeitpunkt zufrieden ist, ist zu einem späteren Zeitpunkt möglicherweise nicht mehr zufriedenstellend.

Für mich war die Transition ein langer Prozess, ein langer Weg zu mir selbst. Heute fühle ich mich wohl,  allerdings auch nicht immer. Wie jeder andere Mensch auch und wahrscheinlich sogar etwas mehr als der durchschnittliche Mensch habe ich Selbstzweifel. Wenn ich auf meinem Weg eines lernen musste, dann mich selbst zu lieben. Und das lerne ich heute immer noch – wobei es mir inzwischen leichter fällt. Demnach gibt es so einiges, in dem ich mich noch nicht „fertig“ fühle.

Ist man automatisch glücklich, wenn man seine Transition hinter sich hat?

Ich denke nicht. Ich bin durch meine Transition zu einem zufriedeneren, glücklicheren Menschen geworden. Allerdings hat sie nicht all meine Probleme gelöst. 

Das größte Problem, das sich für mich am Ende meiner Transition ergeben hat, war, dass ich nicht mehr wusste, wofür ich noch kämpfen sollte. Jahrelang war ich angetrieben von dem Gefühl, dass mein Körper nicht mit meinem Inneren übereinstimmt und dass ich das unbedingt ändern muss.

Ich musste mich so oft rechtfertigen, behaupten und dafür kämpfen, an den Punkt zu kommen, an dem ich heute bin. Und plötzlich, nach mehreren Jahren auf Testo, nach meiner Namensänderung und Mastektomie, nachdem ich mit der Begleittherapie aufgehört hatte, nachdem mich alle nur noch als Mann sahen und mein Passing perfekt war, war das plötzlich nicht mehr mein Hauptlebensinhalt.

Jahrelang hab ich dafür gekämpft, endlich ich selbst sein zu dürfen. Dann war ich schließlich ich selbst. Und der Kampf war vorbei. Die ganzen Jahre über hatte ich gelitten und mir keine Zeit genommen, nach links und nach rechts zu schauen, nachzufühlen, was mir Spaß macht und was nicht, was mir gefällt und was nicht – herauszufinden, wer ich bin, abgesehen davon, dass ich trans* bin. Manchmal habe ich das Gefühl, meine Jugend nur halb erlebt zu haben, weil ich immer so belastet war, so unglücklich.

Jetzt bin ich an einem Punkt, an dem ich zufrieden mit mir selbst sein kann und habe das Gefühl, ich muss erst noch herausfinden, was mich eigentlich ausmacht. Jahrelang war es nur, dass ich trans* bin – inzwischen ist das in den Hintergrund gerückt. Es ist auch ganz schön merkwürdig, dass ich mein ganzes Leben lang als „anders“ wahrgenommen wurde und heute nur noch als ganz „normal“ gelte. 

Es ist ein bisschen, wie mit dem Abi: jahrelang fiebert man darauf hin, endlich mit der Schule fertig zu sein. Dann ist man fertig, und eigentlich weiß man gar nicht, was man jetzt machen will. Ungefähr so geht es mir mit meinem Leben. Das ist nicht schlimm, sondern eigentlich aufregend und schön. Denn zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass mir wirklich die Welt offen steht. 

Hat Trans*Sein nach der Transition noch Einfluss auf den Alltag?

Viele trans* Menschen entscheiden sich nach ihrer Transition dazu, stealth zu leben, weil sie erleichtert sind, dass sie endlich nicht mehr auffallen. Und weil sie es genießen, endlich nur noch entsprechend ihrer Geschlechtsidentität wahrgenommen zu werden. Für mich war das auch erst einmal so.

Nach meiner Mastektomie hatte ich eineinhalb Jahre lang das Gefühl, dass Trans*Sein keinen Einfluss mehr auf meinen Alltag hat. Ich habe komplett stealth gelebt und war ehrlich gesagt froh, endlich mal meine Ruhe zu haben.

Dann kam vor ungefähr einem halben Jahr das Gefühl in mir auf, dass ich verstecke, wer ich eigentlich bin. Dass stealth zu sein einen maßgeblichen Teil von mir unterschlägt. Einen Teil, der mich auch ausmacht.

Irgendwann hat eine Bekannte mal zu mir gesagt: „Weißt du Olli, du bist einfach ein totaler Mitläufer!“ Die Aussage hat mich ehrlich gesagt sehr überrascht, denn wenn ich eins in meinem Leben nie war, dann ein Mitläufer. Das hat mich ein bisschen wachgerüttelt. Ich habe gelernt, dass trans* zu sein nichts ist, für das ich mich schämen muss. Sondern dass es eigentlich auch etwas Tolles ist, das mir einen ganz eigenen Blick auf die Welt ermöglicht. 

Deswegen schreibe ich diese Blog und möchte auch selbst als trans* Person sichtbar sein.

Obwohl Trans*Sein in meinem Alltag keine maßgebliche Rolle mehr spielt, beschäftige ich mich mit dem Thema fast mehr als zu Beginn meiner Transition. Ich möchte der Welt zeigen, was es bedeutet trans* zu sein und über das Thema aufklären.

Insofern: Ich bin zwar mit meiner Transition so gut wie fertig, aber trotzdem hat sie mich geprägt und zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.