Ich bin gut so, wie ich bin. Ich darf so sein, wie ich bin. Ich darf mich männlich fühlen und ich darf mich wohl damit fühlen, als Mann gelesen zu werden. Ich muss meine Weiblichkeit nicht ablegen, ich kann so viel von ihr ausleben, wie ich möchte. Es gibt kein Richtig und kein Falsch.

Ich wünschte, zu Beginn meiner Transition oder sogar noch früher, als mir bewusst wurde, dass es eine Diskrepanz zwischen dem mir nach der Geburt zugewiesenen Geschlecht und meinem Geschlechtsbewusstsein gibt, hätte jemand zu mir gesagt, dass ich genau so sein kann, wie ich will. Genau so, wie es sich für mich richtig anfühlt. Das hat niemand zu mir gesagt, das hat mir niemand vermittelt. Mir wurde stattdessen gesagt, ich sollte so bleiben, wie ich bin, mich nicht verändern, irgendwie würde ich schon damit klarkommen. Oder mir wurden Listen gegeben und medizinische Optionen dargelegt und Tipps gegeben, wie ich am besten als Mann wahrgenommen werden würde und wie ich mein Passing vergrößern könnte. 

Es hat Jahre gedauert, bis ich gemerkt habe, welcher Druck für mich hinter der Transition steckte.

Und wie groß der Druck war, der in mir durch den Gedanken des Passings ausgelöst wurde. Passing bedeutet, als trans* Person als das Geschlecht wahrgenommen zu werden, mit dem man sich identifiziert. 

Versteht mich nicht falsch: Ich bereue keinen Teil meiner medizinischen Transition. Ich bereue es nicht, Hormone zu nehmen oder meine Mastektomie gehabt zu haben. Ich bereue auch weder meine Namensänderung noch die Änderung meines Geschlechtseintrags. Dank dieser Mittel und Wege habe ich den Großteil meiner (Körper)Dysphorie besiegt, oder zumindest Frieden mit ihr geschlossen. 

Ich bereue nichts. Ich wünschte nur, ich hätte mir weniger Druck gemacht.

Und weniger Druck machen lassen. Weniger Druck, möglichst schnell ein möglichst perfektes cis Passing anzustreben oder überhaupt irgendein bestimmtes Passing. Ich wünschte, ich hätte mich weniger von anderen einschüchtern lassen und auch „dazugehören“ können, ohne die Tatsache unter den Tisch zu kehren, dass ich trans* bin. Auch heute ist dieser Druck oft noch da. Früher habe ich häufig gedacht, dass etwas mit mir nicht stimmt. Es hat lange gedauert, bis mir klargeworden ist, dass etwas mit der Gesellschaft nicht stimmt. Es hat lange gedauert, bis mir bewusst wurde, wie cisnormativ unsere Gesellschaft ist. 

Nach all den Jahren, in denen ich als weiblich gelesen wurde, oder zumindest nicht als männlich, wollte ich endlich korrekt wahrgenommen werden. Ich hatte das Gefühl, um korrekt wahrgenommen zu werden, müsste ich die Tatsache verschweigen, dass ich trans* bin. Ich hatte das Gefühl, um korrekt wahrgenommen zu werden, müsste ich tiefer sprechen. Denn nur, wenn meine körperlichen Merkmale „möglichst cis“ wären, hätte ich auch das Recht, uneingeschränkt als männlich wahrgenommen zu werden.

In meinem Kopf war es unmöglich, dass ich als männlich wahrgenommen werden könnte, wenn Leute wüssten, dass ich trans* bin.

Ich frage mich, wie viel davon mit internalisierter Transfeindlichkeit zusammenhängt – um das kurz zu erklären: Unsere Gesellschaft ist cisnormativ geprägt und sieht trans* als die Abweichung von der Norm, was in Diskriminierung resultiert. Transfeindlichkeit äußert sich durch psychische, physische oder verbale Anfeindungen und Gewalt. Dadurch, dass wir gesellschaftlich im Prinzip transfeindlich geprägt werden, bin auch ich nicht frei von diesen Vorurteilen und negativen Einstellungen gegenüber dem Thema trans*.

Ich habe gedacht, ich müsste besser sein als die anderen trans* Menschen, anders als sie, zumindest nicht offenbaren, dass ich trans* bin. Ich habe mich sogar dafür geschämt, trans* zu sein. Ich habe Sätze gesagt wie „Wenn ich nicht selber trans* wäre, und und mir jemand sagen würde, dass er*sie trans* ist, dann fände ich das komisch“. Ich sah trans* zu sein als etwas an, über das ich mit der richtigen medizinische Unterstützung hinweg kommen könnte und ich nahm es als etwas wahr, das ich aus gesellschaftlicher Sicht hinter mir lassen sollte. Und möglichst klein halten sollte.

Ich habe mich nicht mit einem Lächeln im Gesicht hingestellt und gesagt: Ich bin trans*. Ich habe es leise verkündet und voller Scham, „anders“ zu sein. Voller Scham, „komisch“ zu sein. Von diesem Punkt aus ging meine Transition los, mit der ich am Anfang nichts lieber wollte, als trans* zu sein hinter mir zu lassen. 

Erst jetzt, nach mehreren Jahren und viel Aufarbeitung und nachdem ich durch andere viel gelernt habe, habe ich den Mut, mich hinzustellen und zu sagen: Ich bin trans*. Ohne einen Funken Scham. 

Ich hatte das Gefühl, ich müsste das die Tatsache, dass ich trans* bin, möglichst schnell unter den Tisch fallen lassen und so cis wirken, wie es ging. Das setzte mich unter Druck. Was nicht half, war, dass ich in den Medien, die ich konsumierte (wie YouTube und später auch Instagram, aber auch Filme und Serien) (wenn überhaupt) fast ausschließlich trans* Menschen sah, die ein krasses cis Passing hatten. Ich dachte, ich müsste auch so sein. Ich dachte, das wäre der normale Lauf der Dinge.

Mir sagten Ärzt*innen „In ein paar Jahren sieht Ihnen das keiner mehr an“, bevor ich meine Hormontherapie begann. Mir sagten Operateur*innen „Nach der OP wird keiner wissen, dass Sie je Brüste hatten“. Was in diesen Sätzen für mich mitschwang, war die unterschwellige Botschaft, dass es nicht okay für mich war, trans* zu sein – sichtbar trans* zu sein.

Diese Scham war mit einem Kopfsprung hinein ins cis Passing verbunden.

Ich habe heute ein sehr gutes cis Passing, das meinen Alltag sehr stark erleichtert. Wenn ich niemandem sage, dass ich trans* bin, weiß es keine*r. Durch mein Passing bin ich in vielen Situationen in Sicherheit, in denen ich früher in Gefahr gewesen wäre. Ich habe dieses cis Passing und ich will und kann es nicht leugnen.

Worum es mir geht, ist der Druck, der damit verbunden war, dieses Passing zu erreichen. Und der Gedanke, der immer in meinem Kopf war: wenn du dieses Passing erreicht hast, dann ist alles gut. Ja und nein. Ich habe für dieses Passing viel von mir aufgegeben.

Ich hatte das Gefühl ich muss bunte und schillernde Facetten meines Ichs aufgeben, um wie ein hetero cis Mann wahrgenommen zu werden.

Ich hatte das Gefühl, ich muss meine Sanftheit und Zärtlichkeit und Sensibilität und Empathie zurückschrauben. Ich hatte das Gefühl, ich müsste bestimmte Klamotten tragen, die für cis Männer sozial akzeptabel waren. Ich hatte das Gefühl, falls ich in einem dieser Punkte aus dem Raster fallen würde, müsste ich mich schämen.

Ich habe mich dafür geschämt, im ersten Semester in meinem Bachelorstudium eine hohe Stimme zu haben, und trotzdem von anderen zu verlangen, Olli genannt und mit männlichen Pronomen angesprochen zu werden. Ich hatte das Gefühl, ich muss meine Stimme verstecken und tiefer sprechen. Ich wollte nicht, dass jemand je den Binder unter meinen T-Shirts sah, weswegen die Auswahl meiner Oberteile sehr, sehr klein war und ich nicht das tragen konnte, was ich eigentlich wollte. 

Auf dem Weg mit Scheuklappen auf den Augen hin zu einem cis Passing habe ich viel von mir verloren, das ich jetzt wiederfinden muss.

Ich wünschte, die Medien würden trans* zu sein genau so divers darstellen, wie es ist: Alle trans* Menschen sind unterschiedlich. Und kein trans* Mensch muss ein cis Passing anstreben – aber jede*r kann ein cis Passing anstreben, wenn er*sie möchte.

Es wäre nur schön, wenn das nicht als der Topf mit Gold am Ende eines Regenbogens dargestellt werden würde, den es um jeden Preis zu erreichen gilt. Für den einen oder die andere mag das vielleicht so sein – für mich fühlte es sich am Anfang auch so an. Aber je mehr ich mich von der Scham löse, die für mich lange Zeit mit meinem Geschlechtsbewusstsein verbunden war (was ich mir übrigens auch erst vor kurzem selbst eingestanden habe!), desto mehr habe ich das Gefühl, mich abseits von dem Gedanken an ein cis Passing wiederfinden zu dürfen.

Ich wünschte, es würden mehr trans* Menschen gezeigt werden, die nicht-binär oder genderqueer sind und die ihre Geschlechter vielfältig und abseits von Normen ausleben.

Mir haben diese Menschen so, so vieles beigebracht, auch wenn ich die meisten von ihnen nur über Social Media kenne und ihnen auf Instagram folge.

Ich wünschte, Mediziner*innen, Ärzt*innen und Psycholog*innen und alle anderen Menschen, die trans* Menschen bei ihrer Transition begleiten, würde trans* nicht als etwas darstellen, das es zu beseitigen gilt. Es ist wichtig, trans* Menschen alle medizinischen Optionen zu bieten, die es gibt, und sie auch bei ihrer Transition zu unterstützen. Aber das kann auch geschehen, ohne dass trans* zu sein als etwas Negatives dargestellt wird.

Ich wünschte, der Ton wäre mehr ein „Schön, dass du weißt, dass du trans* bist – welche Unterstützung brauchst du?“ als ein „Bald sieht dir keiner mehr an, dass du trans* bist“. Für manche mag das Letztere genau das Richtige sein – aber es gibt eben auch Menschen, für die es anders ist.

Ich wünschte, der Gesellschaft würde endlich bewusst werden, dass nicht alle Menschen cis sind.

Und ich wünsche mir für mich, dass ich mich finde, ohne den Druck, irgendein Passing zu haben – und ohne Scham.